Das Cello Konzert "Versus"

Das Arbeiten mit Gegensätzen, wie es Nigschs von den Wiener Symphonikern 2021 uraufgeführtes Orchesterwerk „In freier Natur - eine Schwärmerei" prägte, führte auch zu dem Auftrag für das Violoncello-Konzert. Jan Nast, der Intendant des Orchesters, drückte das folgendermaßen aus: „Klassik Unterhaltung, sehr viele genreübergreifende Momente finden sich in dem Werk - und alles auf höchstem Niveau." Und der Wunsch nach Kontrasten richtete den Auftrags-Fokus auf ein Solokonzert, „der Weg zum Weltklassecellisten Kian Soltani, der ebenfalls aus Vorarlberg stammt", war dann „nicht weit" (Silvia Thurner).

Nigsch hatte Soltani bereits während seines Studiums in einer gemeinsam besuchten Vorlesung kennengelernt, und so wurde aus der Zusammenarbeit der beiden Musiker, die neben der „E-Musik" in gleicher Weise auch Pop, Soul und Jazz lieben, ein gemeinsames künstlerisches Projekt.

Nigsch, der selbst als Gitarrist und Bassist tätig war, kaufte sich sogar ein Violoncello, um dessen Möglichkeiten zu erkunden, zudem arbeitete er bei der Ausfertigung des Soloparts intensiv mit Soltani zusammen und schrieb ihm die Solo-Stimme gleichsam „auf den Leib". Nigsch, der gemäß dem Auftrag ein Werk verfassen sollte, „das Grenzen überschreitet" und „alle Möglichkeiten der heutigen Zeit für ein großes Orchester berücksichtigt", konnte sich in „Ver-sus” voll und ganz seinen eigenen Intentionen, einem Verbinden mehrerer Stilsphären, hingeben: „Das Ein- und Aussteigen von der Tonalität in die Atonalität hinein und umgekehrt interessieren mich. Im Vordergrund steht der Fluss in der Musik. [...] Mich interessieren nicht so sehr Klangexperimente, sondern viel mehr fasziniert mich die Emotion in der Musik. Ich möchte etwas zum Schwingen bringen. Mir ist es wichtig, mit dem Handwerk, das ich gelernt habe, meine Aussage zu inszenieren, sodass für die Zuhörenden eine Art Kopfkino entsteht." Und so habe das Konzert „filmische Qualitäten", ohne mit Zitaten oder mit Anklängen aus Filmmusiken zu arbeiten.

Eine spezielle Inspirationsquelle fand Nigsch zudem in Fjodor M. Dostojewskis Roman „Der Idiot": den „kindlichen, geradezu schutzlos naiven" Fürsten Myschkin, der dem als Hauptthema des Konzertes fungierenden, zunächst stufenweise (mit punktiert rhythmisierten „steps") aufsteigenden „Lichtmotiv" Pate stand, das sich im 1. Satz („Steps") nach überaus komplexen Entwicklungen Bahn bricht. Gemeinsam mit Soltani hat Nigsch lange überlegt, wie dieses Motiv am überzeugendsten eingeführt werden soll, und er entschied sich, es mehrmals über zart tremolierender Streicher-Begleitung kadenzgleichen Violon-cello-Figurationen voranzustellen.

Damit wird auch ein Bogen zu der Eröffnung des Satzes gespannt, der von einer ausladenden Kadenz des Soloinstrumentes angerissen wurde, deren Material dann das (mit zwei Schlagzeug-Formationen arbeitende) Orchester aufgenommen bzw. fortgesponnen hat. Nach dem Erklingen des „Lichtmotivs" sind dessen Bausteine ebenfalls Gegenstand von Varianten, aber auch von klangstarken Entladungen im Orchester, die dem Figurenwerk des Violoncellos kontrastreich entgegentreten. Ein große Intervalle auf- und absteigend aneinanderreihendes Motiv ergänzt das Material, das nun ein dichtes Netzwerk von Verarbeitungen und Neuentwicklungen gestaltet und nach einer letzten dramatischen Verdichtung geheimnisvoll verklingt.

Den 2. Satz, „Lines", eröffnet das Violoncello mit einem breit ausschwingenden Thema, dem bald Kleinfiguren entgegentre-ten, dessen Charakter aber zunächst weiterhin das Geschehen bestimmt. In einer gleichsam aufgeregten Belebung fungiert das Soloinstrument plötzlich als „Sirene" und entfacht eine dramatische Steigerung, die es dann laut Partitur mit „molto apassionata" vorgetragenen Kantilenen beruhigt und kurz in die Ruhe des Beginns zurückführt. Eine figurative Ballung setzt neue Akzente, die aber schnell verstummen und mit zarten Tonwiederholungen das Finale vorbereiten.

Dieses, „Beats" überschrieben, wird von hochstrebenden, in Trillern gipfelnden Motiven eröffnet, dann intoniert das Violoncello zweimal ein in tänzerischem 6/8-Takt dahineilendes Thema, ehe es motorisch wiederholtes Figurenwerk folgen lässt. Ein zunächst pizzicato hochsteigendes Viertonmotiv ergänzt ebenso wie eine pochend unterlegte Oboen-Kantile-ne, und diese Bausteine gestalten nun ein von immer neuen Kontrastierungen rhythmisch belebtes Geschehen. Varianten des „Lichtmotivs" treten hinzu, und schließlich hebt mit dem tänzerischen Violoncello-Thema eine kunstvoll variierte Reprise an, die alle Elemente der Entwicklung noch einmal aufgreift und gemeinsam mit virtuosem Figurenwerk des Soloinstrumentes eine effektvolle Schlusssteigerung gestaltet.

(von Hartmut Krones, aus dem Programmheft des Musikvereins Wien)

Marcus Nigsch